Rainer/Myrleans/Matthias Fan-Fiction

Folge 5 (Rainer)

E-MAIL: Rainer


Während Bastian noch vor sich hin grübelte, hörte er die Tür zum Treppenhaus zufallen. Er drehte sich um und sah, das Selma tatsächlich gegangen war. Bastian ging schnellen Schrittes zur Tür und fummelte im Gehen sein Schlüsselbund aus der Hosentasche. Er öffnete die Tür und plötzlich mußte er wieder kämpfen. Bastian traute sich nicht, einfach Selmas Namen ins Treppenhaus zu brüllen. So lauschte er nur und hörte tief unten eine Wohnungstür klappen und irgendjemand ging tatsächlich die Treppen hinunter
„Selma...?“ rief Bastian halblaut ins Treppenhaus. Die Antwort war nur ein leises, hallendes „Klack!“. Die Eingangstür unten war wieder ins Schloß gefallen. Stille
Bastian ließ die Dachtür wieder zufallen und ging zur Kante zurück. Einen halben Meter davor blieb er stehen. Seit langem fühlte er wieder so ein Gefühl wie Macht in ihm aufsteigen. Er hatte die Macht, noch einen Schritt weiter zu gehen – oder eben auch nicht. Er malte sich aus wie es wäre, sechs Stockwerke tiefer unten aufzuschlagen, genau auf der Terrasse der Familie Kurtschinsky. Wie man ihn finden würde, in einer Blutlache liegend. Doch was, wenn er sich es nach dem letzten Schritt nochmal anders überlegen würde? Was, wenn er den Absprung eine Sekunde später schon wieder bereuen würde? Bastian schüttelte sich. Eine grauenhafte Vorstellung. Er sah hoch. Den Horizont konnte er von hier aus nicht sehen. Überall standen Häuser davor. Obwohl die Aussicht von hier oben gar nicht mal so schlecht war. Es war schon hell, aber noch ein bißchen diesig. An einigen rot-orangenen Stellen in der Wolkendecke konnte man erahnen, wo in etwa jetzt die Sonne stand.
Bastian ging weiter in sich. Was er eigentlich wollte? Ja, was wollte er überhaupt? Richtig gut ein Pferd reiten zu können, so wie Atreju. Im vollen Galopp eine endlose Strecke durch die Steppe preschen. Bastian hatte keine Ahnung wie schwer das eigentlich sein würde. Aber jetzt entspannte ihn diese Vorstellung ein wenig. Ja, das wäre schon etwas, was er gerne mal wollte. Er ging zur Tür zurück. Vor über zwanzig Jahren hatte er das letzte mal auf dem Rücken eines echten Ponys gesessen. Auf dem Weihnachtsmarkt. Und was wollte er sonst noch? Während er die Treppen wieder herunterstieg, fasste er den Entschluß die Psycho-Pillen entgültig in den Mülleimer zu schmeißen. Wieder in seiner Wohnung, nahm er das Döschen mit den Tabletten und ging in die Küche. Vor dem Mülleimer zögerte er. War das die richtige Entscheidung, die Tabletten einfach wegzuwerfen? Er verbannte das Döschen in die hinterste Ecke seines Küchenschrankes, noch hinter die Mittelchen gegen Erkältungen und Kopfschmerzen.
Er sah auf die Uhr. Es war kurz vor 9 Uhr und Bastian bekam Hunger. Er hatte noch nichts gegessen und auf nüchternen Magen schon viel erlebt, heute morgen. Bastian setzte Teewasser auf. Bevor das Wasser kochte, fand er im Wohnzimmer sein Handy wieder, welches er heute früh mit großer Wucht in die Ecke geschmissen hatte. Die Akkuhalterung war abgebrochen und die Gehäuseschalen waren gesprungen. Er versuchte das Teil einzuschalten, doch das kleine silberne Gerät stellte sich tot. Das Handy war definitv nicht mehr zu gebrauchen.
In dieser Sekunde reifte in Bastian ein für seine Verhältnisse beinahe teuflischer Plan. Er hatte einen sogenannten Business-Handyvertrag. Ihm fiel ein, das er bei Beschädigung des Handys ohne weitere Prüfung ein neues Gerät erhalten sollte. Phantastisch! Das würde er heute mal ausprobieren. Bastian ging wieder in die Küche und frühstückte reichlich. Anschließend ging er in sein Arbeitszimmer, welches er seit Tagen nicht mehr betreten hatte, sortierte seine unfertigen Manuskripte durch, schrieb einen Einkaufszettel, sammelte die Überreste seines zertrümmerten Handys zusammen und verließ das Haus.


Sein erstes Ziel war der Telefonladen, welcher sich in einem Einkaufszentrum befand. Er entschloß sich, heute mal zu Fuß dorthin zu gehen. Beim Gehen konnte man auch viel besser nachdenken. Bastian dachte erneut an das Geschehen von heute morgen – und an Selma. Er hätte sie ja auch zum Frühstück einladen können, kam ihm in den Sinn. Aber sie war so schnell wieder verschwunden, das Bastian ernsthaft darüber nachdachte ob sie überhaupt wahr gewesen war. Hatte ihm sein Unterbewusstsein einen Streich gespielt? Er beschloß, das sie wirklich gewesen sein mußte. Wahrscheinlich war sie eine Handwerkerin, die zufällig auf dem Dach nach dem Rechten sah. Doch woher wusste sie davon? „Tu was du willst!“ hatte sie gesagt und „Wenn du mutig sein willst, dann lebe!“
Lebte er nun wirklich bewusster, oder hatten nur die Turbulenzen in seinem Leben zugenommen? Seitdem er die Tabletten nicht mehr nahm, hatte er das Gefühl irgendwie mehr mitzubekommen.


Bastian näherte sich dem Telefonladen. Er hatte lange vorher überlegt, ob er nicht etwas anderes vorziehen sollte, zum Beispiel seinen Lebensmitteleinkauf. Doch dann dachte er sich, das er mit den vollen Einkaufstüten im Telefonladen einen dämlichen Eindruck erregen könnte und außerdem war ihm das Gezottel mit den Tüten irgendwie unangenehm. Einen Augenblick zögerte er noch. Dann drückte er die Ladentür auf. Im Laden war vormittags wenig Betrieb. So war er vorbereitet als er bald angesprochen wurde.
„Kann ich ihnen helfen?“ Es war ein blutjunger Verkäufer. Bastian schätzte ihn auf kaum mehr als Zwanzig, mit einer gewaltigen Portion Gel im Haar trendy gestylt. Bastian hasste solche narzistischen Schnösel, ließ sich aber nichts anmerken.
„Ja,“ sagte Bastian „ich habe ein kleines Problem mit meinem Handy. Ich habe einen ‚Rundum-Business-Vertrag‘ und da wollte...“

„Kein Problem!“ fiel ihm der Verkäufer ins Wort „Haben sie den Vertrag mit?“

„Ja.“

„Dann gehen sie am besten mal nach hinten zu Herrn Borchert, der hilft ihnen weiter.“

Bastian sah in den hinteren Bereich des Ladens, dort wo über dem Thresen das Schild ‚Geschäftskundenbetreuung‘ hing. Der Platz dort war verwaist. Der gegelte Schnösel wollte gerade weggehen, als Bastian nachsetzte:

„Ja, aber dahinten ist keiner.“ Das führte dazu, das der Schnösel quer durch den Laden „Herr Boooooooorcheääääääärt! Kundschaft!“ brüllte. Bastian wäre am liebsten im Erdboden versunken. Ihm war, als würden alle Kunden gleichzeitig auf ihn aufmerksam. Doch nichts dergleichen passierte. Nach ein paar Sekunden tauchte tatsächlich der Herr Borchert aus dem hinteren Teil des Ladens auf und fragte gelangweilt, was es denn gäbe.

„Der Herr hier hat ein Problem mit seinem Handy. Rundum Business.“ Herr Borchert wurde aufmerksamer.

„Mir ist mein Handy runtergefallen.“ erklärte Bastian und versuchte die unschuldigste ihm zur Verfügung stehende Miene zu machen, während er die Handytrümmer auf den Thresen packte. Der Verkäufer bekam große Augen.

„Nur runtergefallen, oder anschließend auch mit dem Trecker rübergefahren?“ war seine verdutzte Reaktion. Bastian war sprachlos und sah den Verkäufer mit ängstlichen Augen an.

„Na ja, setzen sie sich da mal hin. Ich werde mal versuchen was ich machen kann. Haben sie den Vertrag dabei?“ Bastian gab dem Verkäufer seinen Handyvertrag, womit dieser wieder nach hinten ins Büro verschwand. Bastian fing an zu schwitzen. Was, wenn sein Schwindel aufflog? Schließlich hatte er das Handy ja selbst kaputtgemacht. Würden sie ihn aus dem Laden werfen, oder gleich die Polizei holen? Bastian blickte sich hilflos um. Als er merkte, das niemand im Laden von ihm Notiz nahm, beruhigte er sich ein wenig.

Nach einer für Bastian endlos langen Zeit kam der Verkäufer zurück. In der Hand trug er eine Schachtel und mehrere Formulare. Er setzte sich zu Bastian an den Tisch.

„So, Herr Bux.“ sagte dieser „Sie bekommen von uns ein Austauschgerät. Ihre Rufnummer bleibt die gleiche, wir haben ihre Karte in das neue Telefon übertragen. Und dann bekomme ich von ihnen noch ein paar Autogramme.“

„Was?“ Bastian erschrak.

„Einmal die Bestätigung, das wir ihr defektes Gerät erhalten haben, einmal die Schadensmeldung und einmal, das sie von uns ein Neues bekommen haben.“ Der Verkäufer hatte nichts von Bastians Schrecken mitbekommen. Denn er kreuzte auf den Formularen die Stellen an wo Bastian unterschreiben sollte und schob ihm die Zettel rüber. Bastian unterschrieb und bekam, neben etlichen Durchschriften und seinem Vertrag, die kleine Pappschachtel mit seinem neuen Handy zugeschoben.

„Das wars auch schon, Herr Bux. Und behandeln sie das Teil ein bisschen besser.“

‚Ja, ja‘ dachte Bastian bei sich. Er stopfte die Papiere so schnell es ging in die Innentasche seines Mantels, verabschiedete sich betont höflich und verließ das Geschäft. Geschafft! Bastian war erleichtert. So einfach hatte er sich das nicht vorgestellt. Er beschloß, das Ganze nicht allzu oft auszuprobieren und fühlte sich irgendwie glücklich. „Tu was du willst!?“ Um das nicht zu missbrauchen, erforderte es schon eine ganze Portion Vernunft.


Der Tag der Autogrammstunde rückte näher. Bastian sah solchen Ereignissen immer mit etwas Unbehagen entgegen. Denn man wusste vorher nie, was solche Veranstaltungen bringen würden. Es war gut möglich, das er mit seinen Leserinnen und Lesern in einer ruhigen Minute ein ernsthaftes Gespräch führen konnte. Am meisten hasste er die Girlies, die sich ständig im Hintergrund hielten, ihn mit ihren Blicken fixierten und nur herumkicherten. Mit denen konnte man auch nicht reden, da die außer Gegacker in der Regel keinen vernünftigen Satz herausbrachten. Für nächsten Mittwoch hatte sich außerdem noch ein Fernsehteam angekündigt, welches Bilder von seiner Autogrammstunde machen wollte. Das war schon längere Zeit nicht mehr vorgekommen. So toll verkaufte sich sein letztes Buch nämlich nicht. In der Nacht vor dem Tag der Autogrammstunde hatte Bastian einen merkwürdigen Traum. Er fand ihn so denkwürdig, das er ihn später aufschrieb. Dieser Traum führte ihn nämlich wieder nach Phantásien.


Bastian lag auf dem Bauch. Er hob den Kopf und öffnete die Augen. Was er jedoch sah, war ein Meer aus lauter Grashalmen. Gras, das so hoch war, das man sich darin verstecken konnte. Kein Zweifel, das musste das Grasmeer sein, Atréjus Heimat. Etwa zehn Meter weiter saß er auch, zusammen mit einem Mädchen, das Bastian noch nie gesehen hatte. Die beiden unterhielten sich leise, ab und zu unterbrochen von leisem Lachen. Man sah sofort, das die beiden sich sehr mochten. Atréju hatte also eine Freundin. Und sie bemerkten offenbar nicht, das jemand sie belauschte.

Was Bastian jedoch an sich selbst auffiel, verwunderte ihn zutiefst. Seine Haut schimmerte grünlich. Er war einer von den Grünhäuten geworden. Wie war das möglich? Das interessierte ihn jedoch nicht. Hätte Bastian an sich herabgesehen, wäre ihm aufgefallen das er sogar ungefähr die gleiche Kleidung trug wie Atréju. Doch er wagte nicht, sich zu bewegen. Er fühlte, das es in dem Gespräch der beiden auch um ihn ging. Doch wenn er wirklich etwas mitbekommen wollte, müsste er sich schon dichter heranschleichen. Das muß man sich mal vorstellen! Der völlig unsportliche Bastian wollte sich unbemerkt anschleichen! Und was das merkwürdigste war, es ging! Jedenfalls schaffte es Bastian, so nah an die beiden heranzukommen, das er ein paar Satzfetzen mitbekam. Eigenartigerweise schien Atréju und seine Freundin immer noch nichts zu bemerken. Sie fühlten sich jedenfalls sehr sicher. Bastian spitzte die Ohren.

„...zum Glück war er nicht der einzige...“ Bastian war sich sicher, das die beiden über die Außenwelt sprachen. Nur sein Name fiel nicht. Gerade sprach Atréju wieder:

„Nach ihm kamen noch eine ganze Menge. Ich hab die aber alle nicht getroffen. Wenn mir Engywuk es nicht gesagt hätte, wüsste ich es bis heute nicht...“ Engywuk? Bastian glaubte diesen Namen verstanden zu haben. Nachdem er das Geplauder der beiden eine Weile belauscht hatte, reimte er sich zusammen, das Engywuk wohl einiges an Wissen über die Bewohner der Außenwelt zusammengetragen hatte. Es musste also nach ihm noch mehrere Phantasienreisende aus der Außenwelt gegeben haben.

Atréju hatte auch einige Sorgen. Er sprach nur sehr leise als er sie dem Mädchen anvertraute. Es ging um einen eigenartigen Spiegel in dem man sein wahres selbst sehen konnte. Das erste Mal hatte er darin Bastian gesehen, das wusste Bastian auch. Dieser erahnte langsam, das Atréju eines der drei magischen Tore des Südlichen Orakels meinte. Bastian hatte es bei seinem Besuch damals neu erschaffen. Er hatte das nur schon längst vergessen, wie so vieles aus Phantásien. Dazu muß ebenfalls erklärend gesagt werden, das Atréjus Große Suche nur ein einziges Mal stattfand. Egal wer auch das Buch nach Bastian las – die große Suche fand immer zur selben Zeit statt. Da war Atréju elf Jahre alt. Wie gesagt – nur einmal in seinem Leben ist man elf. In all den Jahren danach war Atréju unzählige Male dorthin gepilgert und das Ergebnis verwirrte ihn. Er hatte jedesmal jemand anders gesehen. Beim letzten Mal sogar ein Mädchen. Atréju beunruhigte das. Er hatte zwar ein gesundes Maß an Selbstvertrauen, aber auch das war Schwankungen unterworfen. Das Mädchen neben Atréju fragte etwas und Bastian bekam noch bruchstückhaft mit, wie Atréjus letztes wahres Selbst ausgesehen haben sollte: kurze, schwarze Haare, grüne Augen... ‚Selma‘ kam Bastian in den Sinn ‚Selma kennt die ‚unendliche Geschichte‘!‘

Anschließend verlor Bastian den Faden. Er konnte sich nicht erinnern wie der Traum weiterging. Die Merkwürdigkeiten erklärte er sich damit, das er das Buch schon eine Ewigkeit nicht mehr gelesen hatte und sein Gehirn wohl gerade eine ganze Menge ungeordneter Eindrücke verarbeitete.


Es war schon spät als sich Bastian endlich entschloss aufzustehen. Heute sollte die Autogrammstunde in der Birkenallee stattfinden. Er hatte nur leider überhaupt keine Lust dazu. Bastian musste immerzu an den Traum denken, den er eben gerade hatte. Noch bevor er unter die Dusche stieg, brachte er ihn in seinem Arbeitszimmer zu Papier. Damit kein Detail verlorenging.

So richtig wach wurde Bastian aber erst als er beim Frühstück saß und die Zeitung las. Oder genauer, als er sie schon fast durch hatte. Auf der letzten Seite, in der Spalte mit den Kurzmeldungen, stand ein Artikel der sein Interesse erregte. ‚Abgeschrieben‘ stand da. Die Meldung lautete: „ ‚Bastian Balthasar Bux hat bei mir abgeschrieben!‘ Das zumindest behauptet die bekannte englische Romanautorin Jane K. Rawleg. Literaturexperte Marcel G. Reinke bestätigte auf Anfrage das es in Bux neuestem Werk „Kampf um den Feuerberg“ tatsächlich Passagen gibt, die eine gewisse Ähnlichkeit nicht verleugnen können. Bux selbst war für eine Stellungnahme noch nicht zu erreichen. Kenner halten das Ganze jedoch für einen gezielten PR-Gag, um den derzeit lahmenden Verkauf von Bux‘ Büchern anzukurbeln.“

Wie bitte? Und sein Agent, dieser blöde Sack, hatte ihm noch nichts davon gesagt?

Das könnte ja heute heiter werden.


Die Buchhandlung in der Birkenallee war eine von diesen neueren, größeren Buchhandlungen, die heutzutage meist zu irgendeiner Kette gehören. Bastian wusste ungefähr wo sie sich befand und überlegte, ob er lieber das Auto oder die S-Bahn nehmen sollte. Er entschied sich für das Auto. Es war kurz nach zwölf Uhr als er in der Nähe der Buchhandlung tatsächlich einen Parkplatz fand, für den man nichts bezahlen musste. Bastian näherte sich der Buchhandlung. Da war es wieder, dieses merkwürdig-diffuse Gefühl in der Magengegend. Er hatte zwar inzwischen keine Angst mehr vor solchen Terminen, aber zumindestens doch Respekt. Im Laden angekommen suchte er zunächst etwas hilflos nach irgendeinem kompetenten Mitarbeiter. Die Leute an der Kasse wussten ja meist nie bescheid. Es war tatsächlich einer von den großen Läden. Im 1. Stock gab es Sach- und Fachbücher und im Erdgeschoß Romane, schöngeistige Literatur und Kinderbücher. Es war auch nicht zu übersehen, das hier heute eine Autogrammstunde stattfinden sollte. Im Erdgeschoß war auf einem kleinen Podest ein Tisch aufgebaut. Und der Bereich in dem das Ganze ablaufen sollte, war mit Gegenständen aus Fantasy- und Science-Fiction Filmen dekoriert. ‚Nicht schlecht für einen Buchladen!‘ dachte Bastian. Endlich hatte er jemanden entdeckt, dem er seine Ankunft anvertrauen konnte. Er begann unsicher: „Guten Tag, mein Name ist Bastian Balthasar Bux. Ich soll hier heute eine Autogrammstunde...“ Die Angesprochene hob erst den Kopf als Bastian schon zu sprechen angefangen hatte, erkannte ihn offenbar sofort und fiel ihm ins Wort.

„Hallo Herr Bux! Schön das sie da sind.“ Tatsächlich. Die Augen der Frau, Bastian schätzte sie auf über 40, leuchteten regelrecht auf. Es war ihr anzusehen das sie sich freute. Er hatte auch gleich die Richtige erwischt. Frau Bachmann, wie auf ihrem Namensschild stand, war nämlich die stellvertretende Geschäftsführerin des Ladens. Sie lotste Bastian erstmal in die hinteren, nur für die Mitarbeiter zugänglichen Räume. Im Aufenthaltsraum röchelte die Kaffeemaschine. Nach einer kurzen Besprechung besichtigte er den heutigen Ort, wo er des Lobes gepriesen werden sollte. Es waren schon einige seiner Fans da. Einige hatten auch ältere Werke von ihm zum Signieren mitgebracht, was Bastian natürlich freute. Einige trauten sich auch ihn anzusprechen und so ergab sich etwas Smalltalk. Belanglos eben. Aber beruhigend. Sein Agent war noch nicht da. Ebenso das Fernsehteam. Dessen aufgedrehte Redakteurin erschien erst kurz vor dreizehn Uhr. Ja, das Team wäre im Stau steckengeblieben, er solle sich von ihr nicht stören lassen, irgendwann zwischendurch würde sie zu ihm kommen und ihm beim Signieren ein paar Sachen über sein letztes Buch fragen. Bastian wurde daraus nicht so recht schlau. Er hatte das Gefühl, das die Dame irgend etwas vor ihm geheimhielt.

Kurz vor dreizehn Uhr atmete Bastian tief durch, setzte sich an den Tisch, auf dem schon riesige Bücherstapel bereitstanden und zückte seinen Edding. So malte er Kringel um Kringel sein Autogramm in die bereitgelegten Bücher. Wenn es sein musste natürlich auch gern mit persönlicher Widmung. Irgendwann hatte Bastian sich soweit beruhigt, das er sogar anfing kleine Scherze zu machen, was die Autogrammjäger teils belustigt, teils mit Verwunderung zur Kenntnis nahmen. Sein Agent hatte ihn nur kurz begrüßt und war dann wieder verschwunden.

Als die Stapel schon etwas kleiner wurden, kam dann auch die Redakteurin mit dem Fernsehteam aus ihrem Versteck. Neben dem Kameramann hatte das Team noch einen Assistenten, der mit der Mikrofonangel und einem kleinen Tonmischer beschäftigt war. Der Assistent erinnerte Bastian entfernt an den jungen Atréju. ‚Irgendein Praktikant‘ dachte er sich. Die Redakteurin begann ihren Fragenkatalog abzuarbeiten. Meist belangloses Zeug über das Bastian nicht lange nachdenken musste. Das änderte sich schlagartig, als plötzlich wie nebenbei die folgende Frage kam:

„Herr Bux, sicherlich haben sie auch schon von den Plagiatsvorwürfen gehört. Was werden sie unternehmen wenn der Verkauf ihres neuesten Buches bald gerichtlich gestoppt werden wird?“

In Bastians Gehirn setzte plötzlich irgendetwas aus. Er war gerade beim Schreiben gewesen und seine Hand erstarrte. ‚Was bildet die dumme Kuh sich überhaupt ein?‘ dachte er bei sich. Etwas unbeholfen vollendete er das angefangene Autogramm und sah hoch. Es entstand eine peinliche Pause. Am meisten ärgerte Bastian der Kameramann, der kaugummikauend eiskalt weiter auf ihn draufhielt. Und der Typ, der fast so aussah wie Atréju, hatte von allem doch hoffentlich nichts mitbekommen? ‚Quatsch!‘ durchfuhr es ihn, ‚der hört doch den Ton ab!‘ Er sah weiterhin am Balkongeländer des ersten Stocks seinen Agenten stehen. Dieser sah sich das Ganze von oben an und hatte wirklich nicht mitbekommen, in welchen Schwierigkeiten sein Schützling gerade steckte. Stattdessen hob er ein wenig die Handfläche vom Geländer und bewegte die Finger, als wollte er Bastian ein wenig zuwinken. Doch der fing unten langsam an zu schwitzen. Alle diese Beobachtungen hatte Bastian in Bruchteilen weniger Sekunden gemacht und nun überlegte er krampfhaft, wie er sich am besten aus der Affäre ziehen konnte. Er kramte in seinem Gedächtnis und ihm fiel ein Satz ein, den er bei solchen Anlässen gerne rezitierte. „Naja. Ich denke mal, was sie mir hier vorwerfen ist schon ein starker Tobak. Allerdings leben wir heute in einer Mediengesellschaft und werden täglich mit irgendwelchen Geschichten überschwemmt. Wenn man sich damit beschäftigen würde, wer von wem abgeschrieben hat, dann hätten sämtliche Anwälte bis in alle Ewigkeit zu tun.“

Bastian freute sich wieder. Das hatte gesessen. Doch dann kam die nächste Frage.

„Stimmt es, das in ihrem Fall bereits die Rechtsabteilungen verhandeln?“ Bastian wurde es langsam zu bunt.

„...oder wollen sie erstmal noch die Buchverkäufe abwarten?“ Bastian kämpfte und hätte sich am liebsten in Luft aufgelöst. Doch was er wirklich dachte, durfte er nicht sagen. Das hätte ein schlechtes Bild von ihm abgegeben. So antwortete er:

„Nein, davon wüsste ich nicht. Im übrigen bin ich in erster Linie Schriftsteller und kein...“ ‚Rechtsverdreher‘, wollte Bastian sagen „...Rechtsvertreter. Wenn ich tatsächlich irgendwo abgeschrieben haben sollte, dann bringen sie bitte erstmal Beweise, bevor sie mich hier in den Wahnsinn treiben!“ Nein! Bastian bereute schon kurz danach seine Wortwahl. Doch die Fernsehtante war zufrieden. Sie hatte endlich bekommen was sie haben wollte, bedankte sich höflich und zog ab. Bastian erwiderte mechanisch den Gruß und dachte nur: ‚Endlich haut sie ab! Scheiße! Scheiße! Scheiße!!‘ Er hatte keine Lust mehr weiterzumachen. Er sah auf die Uhr und es war erst 13.40 Uhr. Bis fünfzehn Uhr sollte die Autogrammstunde noch gehen. Als ihn später noch jemand mit einer Videokamera filmen wollte, jagte er den Mann fort. Bastian bemerkte nicht, das es ein Fan von ihm war.


Als die Autogrammstunde vorbei war, hatte Bastian sich wieder etwas beruhigt und zugleich das Gefühl eine widerlich schwere Arbeit vollbracht zu haben. Dazu kam, das er noch kein richtiges Mittagessen gegessen hatte, von dem Kaffee und den Keksen in der Buchhandlung abgesehen. Bastian wurde irgendwie übel. Jetzt schnell nach Hause. Er setzte sich ins Auto. Als er bereits fuhr, durchzuckte ihn der Gedanke, das er sich endlich von seinem Agenten trennen sollte. Aber war das die richtige Entscheidung? Die beiden arbeiteten schließlich schon seit vielen Jahren zusammen. Doch was war das für eine Zusammenarbeit gewesen? ‚Der Sack hat mit mir genug Geld verdient!‘ dachte er bei sich ‚Und jetzt ist Schluß!‘ Bastian entschloß sich dann doch noch, sein Mittagessen in einer Pizzeria, die am Weg lag, nachzuholen. Das konnte er ja als Spesen für seine Steuerabrechnung geltend machen. Außerdem hoffte er, während er auf das Essen wartete, weiter in Ruhe nachdenken zu können. Der Plagiatsvorwurf hatte ihn schwer getroffen. Dabei kannte er das Machwerk der britischen Autorin gar nicht. Niemand kannte es. Kein Wunder, ihr Buch war ja noch gar nicht auf dem Markt. Bastian machte sich große Sorgen. Was, wenn die Gegenseite den Verkauf seines letzten Buches tatsächlich gerichtlich stoppen lassen würde? Das würde ganz schön ins Geld gehen. Bastian steigerte sich in immer größere Befürchtungen hinein, das er sich genötigt sah, direkt bei seinem Verleger anzurufen. Natürlich mit dem neuen Handy, welches er vor wenigen Tagen eigenhändig ertauscht hatte.

Im Verlag wollte man ihn abwimmeln. Der Herr Verleger sei sehr beschäftigt und außerdem hätte er keinen Termin, hieß es. Bastian brachte seine gesamte diplomatische Überredungskunst auf und erreichte schließlich, das die Sekretärin am anderen Ende die entnervte Auskunft gab: „Sie können ja gerne vorbeikommen. Dann werden sie ja sehen, was hier los ist!“

Inzwischen war die Pizza gekommen und Bastian ließ es sich schmecken. Am späten Nachmittag traf er tatsächlich im Verlag ein, wo es wie im Taubenschlag zuging. Aber nicht wegen ihm, wie er bald bemerkte. Nach einer halben Stunde hatte sein Verleger dann doch für ihn Zeit. Oder besser, er nahm sie sich.

„Na, das ist ja man keine schöne Sache, wo sie gerade drinstecken? Moin, Herr Bux!“ begrüßte Bastian der Verleger in breitestem Norddeutsch. Der Mann war zugezogen, das wusste Bastian. Aber der Verleger war ihm Längen sympathischer als sein Agent. Er hatte nur Angst vor dem obligatorischen Händedruck. Der Verleger hatte nämlich riesige Pranken, in denen Bastians Hand wie die eines Kindes verschwand. Und wenn er zudrückte, glaubte Bastian jedesmal, er hätte in einen Schraubstock gefasst.

Bastian klagte sein Leid. Doch den Verleger brachte das nicht aus der Ruhe.

„Ach, Herr Bux, lassen sie sich davon mal nicht bangemachen. Unsere Rechtsabteilung ist zwar tatsächlich an der Sache dran. Aber die Jungs sind guter Dinge. Ich denke, das ist wirklich nur ein PR-Gag vom Kleineisen-Verlag.“

Dem Verleger gelang es langsam Bastians Ängste zu zerstreuen. So kam dieser mit seinem zweiten Problem heraus: seinen Agenten! Der Verleger reagierte verwundert.

„Sie haben ein Problem mit Herrn Leonhard? Aber der ist doch ziemlich gut?!“ Bastian schilderte seine letzten Erlebnisse in allen Einzelheiten.

„Na ja. Ich glaube, da stimmt wohl die Chemie nicht so ganz?“ diagnostizierte der Verleger.

„Eventuell habe ich vielleicht eine Alternative für sie. Die Dame macht aber fast nur Kinderbuchautoren. Ich glaube, ich habe irgendwo auch noch eine Visitenkarte von der Frau rumliegen.“ Der Verleger wühlte in seinem Schreibtisch. Seine Visitenkarten sammelte er in einem speziellen extra dafür angefertigtem Ordner.

„Ah, ja. Das ist die. Angelika Mondenkind. Schon mal was von ihr gehört?“

„Angelika – was?“ Bastian verschlug es fast die Sprache.

„Mondenkind. Wir können uns unsere Namen nicht immer aussuchen. Aber die Dame ist wirklich nett, ist schon über 50. Könnte direkt ihre Mutter sein, Herr Bux.“ Der Verleger fand seinen Scherz so witzig, das er selber darüber lachte. Welche Wunden er damit in Bastian aufriss, ahnte er nicht. „Hat aber sehr viel zu tun. Sie können sich ja mal vorstellen.“

Das wars, der Verleger reichte Bastian die Hand. Die Unterredung war beendet. Bastian wusste nicht was er davon halten sollte. Er hielt die Visitenkarte seiner möglichen neuen Agentin in der Hand und starrte ungläubig auf den Namen, der dort stand. Warum erinnerte ihn so vieles in der Realität neuerdings so stark an die Unendliche Geschichte?


Abends, wieder zu Hause, erinnerte sich Bastian daran, das bald der Beitrag im Fernsehen laufen würde, mit den Bildern der Autogrammstunde. Er wusste den Sender und wie die Sendung hieß, also schaltete er die Glotze ein.

Er wunderte sich ein wenig, das der Beitrag mit ihm nicht im Vorspann angekündigt wurde. Eine halbe Stunde später konnte er dann sehen, das auch beim Fernsehen nicht alles so heiß gegessen wird, wie es gekocht hat. ‚Sein‘ Beitrag war letztenendes nur dreißig Sekunden lang. Die Redaktion hatte ein ‚Spotlight‘ daraus gemacht. Kein Interview – nur Bilder ohne Ton, mit der Stakkato-Musik der Kurzmeldungen unterlegt. Dazu sagte der Hintergrundsprecher folgenden Text auf:

„Was sich neckt, das liebt sich wohl. Wer von wem abgeschrieben hat, wird wohl nie so eindeutig geklärt werden. Für die Fans von Bastian Balthasar Bux spielt das ohnehin keine Rolle. Sie kamen wieder in Scharen zu einer seiner Autogrammstunden. Das Ganze nur ein PR-Gag? Dem Absatz von Bux‘ neuestem Buch „Kampf um den Feuerberg“ wird es sicherlich gut getan haben. Der als äußerst sensibel geltende Schriftsteller reagierte auf die Vorwürfe jedenfalls ziemlich genervt.“

Puh, das war ja schon fast sowas wie Positiv. Bastian staunte jedenfalls. Nach dem Erlebnis heute Nachmittag hatte er eigentlich etwas ganz anderes erwartet.


Tage später, Bastian hatte zwischenzeitlich keine weitere Vision aus Phantásien gehabt, klingelte Abends das Telefon. Wer war das nun schon wieder? Bastian nahm ab.

„Bux.“

„Hallo Bastian, hier ist Lukas Brandt. Von dir hört man ja gar nichts mehr.“ Doch. Natürlich hatte Bastian Lukas nicht vergessen. Die beiden waren füreinander so etwas wie Brüder im Geiste. Kennengelernt hatten sie sich vor einiger Zeit beim Zivildienst. Dort hatten sie schnell ihre Seelenverwandschaft herausgefunden. Die beiden bewunderten sich insgeheim gegenseitig, ohne es jedoch dem anderen jemals einzugestehen. Bastian fand an Lukas beachtenswert, das dieser es geschafft hatte sich einen Kindheitstraum zu erfüllen. Lukas war nun schon fast zehn Jahre ausgebildeter Lokführer und fuhr mit Nahverkehrszügen durch die Gegend. Lukas wiederum bewunderte an Bastian, das er es gewagt hatte, mit seinen Geschichten an die Öffentlichkeit zu gehen und heute als freischaffender Schriftsteller ein einigermaßen einträgliches Leben führte. Lukas verband so etwas mit einer gehörigen Portion Lebenserfahrung, die er seiner Meinung nach selbst nicht besaß.

Die beiden verabredeten sich auf ein Glas Bier im „Potzblitz“. Dort hatten sie sich schon öfter getroffen.


Das Potzblitz war eine bessere Studentenkneipe. Jedenfalls gab es dort anständige warme Küche. Zum vereinbarten Termin kam Bastian eine Viertelstunde zu spät. Eigentlich hatte er überlegt, das Treffen abzusagen. Irgendwie fühlte er sich matt und schlapp. Er hatte sich heute bei der möglichen neuen Agentin für ihn vorgestellt. Sie war sehr nett, aber sie betreute wirklich schon einige Autoren und hatte wirklich viel zu tun. Sie machte Bastian nicht allzugroße Hoffnungen, auch ihn managen zu können.

Er betrat das Lokal und ging vorsichtig in die Tiefe des Gastraumes. Es war noch früh am Abend und der Ansturm hielt sich in Grenzen. Eine der junge Bedienungen begrüßte ihn freundlich, doch Bastian nahm es kaum wahr. Endlich hatte er Lukas an einem der Tische ausgemacht. Vor sich hatte der bereits ein halbausgetrunkenes Glas stehen. Bastian wußte, das Lukas über sein Zuspätkommen zwar nicht ernstlich böse sein würde, aber er würde es ihm garantiert aufs Brot schmieren – auf seine Art. Begrüßungen unter Freunden haben ohnehin manchmal etwas bizarres. Und Lukas hatte sich durch seinen Beruf ein beachtliches Vokabular an Schimpf-, Spott- und Kraftausdrücken angeeignet, die er da wo er glaubte es zu können, in seiner ehrlich-offenen Art auch anbrachte.

„Hallo Bastian – du alter Tintenpisser, kommst du auch noch?“ begrüßte ihn Lukas.

„Na, du Zwerg? Schon wieder entgleist, oder ‘ne alte Oma überfahren?“ gab Bastian zurück. „Du Sack!“ antwortete Lukas und fing an zu grinsen. Wie gesagt – für außenstehende wahrscheinlich schwer zu begreifen. Denn anschließend nahmen sich die beiden lachend in die Arme. Was nicht ganz einfach war. Lukas war nämlich fast eineinhalb Köpfe größer als Bastian. Der folgenden Unterhaltung muß man vorausschicken, das Lukas einer der wenigen Menschen in Bastians Leben waren, die ihn nicht als Schriftsteller sondern eben als Mensch mochten. Die Kneipengespräche der beiden dienten in der Regel dem Sorgen und Gedankenaustausch. Der eine schüttete dem anderen sein Herz aus und manchmal ergab es sich, das bestimmte Themen weiter ausgesponnen wurden. Eines konnten jedenfalls beide ausgezeichnet. Nämlich dem anderem aufmerksam und geduldig zuhören. Irgendwann, der lockere Plausch wurde schon durch größere Pausen unterbrochen, kam Bastian ein Gedanke. In diesem Augenblick konnte er nicht ahnen, wie nah er der Unendlichen Geschichte in Wirklichkeit schon wieder war. Und so passierte es, das Bastian etwas gedankenversunken von sich gab: „Weißt du, das ich seit einiger Zeit ein Buch suche, was es nicht mehr gibt?“

„Nee, woher soll ich das wissen, hast es mir ja nie erzählt.“ entgegnete Lukas.

„Es ist eine Geschichte. Ist schon ewig lange her.“ sagte Bastian.

„Vergriffen? Schon mal bei Ebay versucht?“ Bastian stieß die Luft durch die Nase. Er musste schmunzeln.

„Na, die wird‘s da wohl nicht geben.“ gab Bastian zurück.

„Wie heißt denn das Teil?“ fragte Lukas schon leicht genervt, weil sein Freund so ein Geheimnis aus dem Buchtitel machte.

„Ach, äh – wirst du nicht kennen. ‚Die Unendliche Geschichte‘ - schon mal was davon gehört?“ Bastian schaute Lukas etwas überheblich lächelnd an. Doch der blieb ernst. Bastian erwartete irgendeinen dummen Spruch. Doch...

„Die Unendliche Geschichte? Kenn‘ ich.“

„Was?“

„Aber die wirst du nicht finden. Sie muß dich finden.“ Lukas grinste, als hätte er einen ziemlich abgedroschenen Spruch zitiert. „Aber sie hat dich jetzt gefunden.“

Bastian hatte Lukas immer für einen sehr rationalen Menschen gehalten. Doch heute?

„Wie – du kennst sie?!“

„Pff, ist schon ein paar Jahre her. Ist sogar schon ziemlich lange her.“

In Bastians Kopf kreisten die Gedanken. Wenn Lukas die Unendliche Geschichte wirklich kannte, hatte er sie wirklich gelesen? Wusste er, Lukas, etwa über Bastians Vergangenheit Bescheid? War Lukas vielleicht sogar selbst in Phantásien gewesen? Bastian wusste, das die Geschichte bei jedem anders verlief. Und das sie sich nicht wiederholte. Na ja, in der Regel jedenfalls nie. Aber was Lukas möglicherweise in der Geschichte erlebt hatte, interessierte ihn brennend. Er wagte nur nicht zu fragen.

„Hast du das Buch noch?“ bekam er schließlich über die Lippen.

„Hm, ich kann ja mal nachsehen. Vielleicht habe ich es auch verborgt.“ meinte Lukas. Bastians Gesichtsausdruck musste da wohl ziemlich skeptisch ausgesehen haben. Das Buch verschwand doch auf rätselhafte Weise, immer wenn man es durch hatte. Verhielt es sich inzwischen anders, oder sprachen sie gar nicht über die selbe Sache? Doch Lukas sagte plötzlich:

„Du meinst doch dieses komische Buch mit der roten und grünen Schrift?!“

„Ja...?!“ bestätigte Bastian mit fragendem Unterton.

„Ich guck mal nach. Wenn ich es habe, bringe ich es dir mal mit.“

Damit war die Sache für Lukas erledigt. Die beiden wechselten das Thema. Und auch Bastian dachte nicht mehr an das Buch. Als sie sich eine Stunde später trennten, fragte Lukas beiläufig nach Bastians alter Adresse. Bastian bestätigte. Die beiden verabschiedeten sich. Lukas letzter Satz war, er würde mal schauen ob er das Buch findet. Leicht bedüselt, aber glücklich, fiel Bastian an diesem Abend ins Bett.


Tage später, Bastian hatte bereits wieder andere Dinge im Kopf, war Lukas am Telefon.

„Ich hab‘ das Buch gefunden. Wenn du willst, bringe ich es dir morgen Abend vorbei. Aber ich kann nicht lange bleiben, ich muß noch zur Nachtschicht...“

Für Bastian kam diese Nachricht wie ein Donnerschlag. Natürlich wollte er. Und wenn er nicht hätte können, hätte er sich die Zeit eben genommen.


Besagter Abend war herangekommen. Es klingelte und vor der Tür stand wie versprochen Lukas. Er hatte eine abgegriffene Plastiktüte eines großen deutschen Lebensmittel-discounters in der Hand. Noch im Flur fummelte er das Buch aus der Tüte. Es war das Richtige! Bastian hatte das Aussehen des Einbandes aus kupferfarbener Seide nie vergessen können. Und es war noch erstaunlich gut erhalten. Bastian spürte eine diffuse Aufregung in ihm aufsteigen. Doch er konnte seinen Freund nicht einfach schnell hinauswerfen. Das gehörte sich nicht, war er in diesem Augenblick der Meinung. Und so bot er Lukas das Wohnzimmer an.

„Willst du dich nicht einen Augenblick hinsetzen? Ich habe gerade Tee gekocht.“ Als leidenschaftlicher Teetrinker ließ sich Lukas eine solche Einladung natürlich nicht entgehen, auch wenn er im Kopf bereits anfing, seinen mühsam zusammengebastelten Zeitplan zu revidieren.

Während Bastian Teekanne und Tassen ins Wohnzimmer brachte, saß Lukas auf der Couch und hatte das mitgebrachte Buch in der Hand. Kurz und entschlossen pustete er über den Buchrücken. Ein kleines Staubwölkchen wirbelte auf. Das Buch musste schon länger bei Lukas im Regal gestanden haben. Nach einer Weile des Schweigens sagte dieser dann plötzlich:

„Ist schon ein komisches Buch.“ Bastian reimte sich ungefähr zusammen, was Lukas meinte. Alles was sich dieser nicht so recht erklären konnte war eben ‚komisch‘.

„Inwiefern?“ hakte Bastian nach.

„Na ja.“ meinte Lukas „Wenn du darin liest, entdeckst du langsam aber sicher dich selbst darin. Und wenn du gemerkt hast, das du irgendwann selbst ein Teil der Geschichte geworden bist, dann gibt es kein zurück mehr. Es gibt da so eine Art ‚Bindungsfalle‘, die dafür sorgt, das du weiterliest. Sonst bleibst du quasi in dem Buch hängen. Es ist wie eine Aufforderung etwas Neues zu schaffen, ohne dem es nicht weitergeht.“

Bastian war sich inzwischen sicher. Lukas musste irgendetwas in oder mit dem Buch erlebt haben. Nur eben sehr viel später als er selbst. Nach ihm musste es also tatsächlich eine ganze Menge weiterer Phantásienreisender gegeben haben. Und wer weiß, vielleicht waren gerade in diesem Moment auch ein paar Menschenkinder in Phantásien am Werk? Würde er davon in dem Buch lesen? Doch Lukas war noch nicht ganz fertig.

„Irgendwie hatte ich das Gefühl, das einige Leute da drin hängengeblieben sind. Es werden jedenfalls einige beschrieben.“

„Was war eigentlich DEINE Aufgabe in der Unendlichen Geschichte?“ konnte sich Bastian endlich durchringen zu fragen. „Interessiert dich das wirklich?“ fragte Lukas zurück und er sah so aus, als ob er nicht gerade glücklich über Bastians Frage gewesen wäre. Lukas sah hoch und blickte in Bastians fragendes Gesicht. Da dieser nichts mehr sagte, fing Lukas nach einer Weile von selbst an.

„Vorneweg möchte ich sagen, Atréju habe ich nicht selbst getroffen. Obwohl ich ihn sehr sympathisch fand. Aber es sollte wohl eben nicht sein. Nee – meine Aufgabe war – wir haben ein bißchen mit der großen Leere herumgespielt. Und ich hab‘ herausgefunden, das ich meine Gedanken nicht im Griff habe.“ Bastian fiel auf, das Lukas plötzlich in der ‚wir‘-Form sprach.

„Wer ist ‚wir‘?“ fragte er verwundert dazwischen. In wunderte, das Lukas nicht von einem Erlebnis, sondern wirklich von einer ‚Aufgabe‘ sprach. Er hatte vorhin nur geraten. Das es in der Unendlichen Geschichte auch Aufgaben gab, wusste er bis jetzt nicht. Bastian hatte bei Lukas letztem Satz, als er von der Großen Leere sprach, beobachtet, das sich dieser mit den Fingern der linken Hand die rechte Faust massierte. Es sollte sich gleich noch herausstellen warum. Lukas begann. Doch die Namen die er erwähnte, hatte Bastian noch nie in der Unendlichen Geschichte gehört.


„Irgendwie begann alles damit, das ein kleines Männchen, welches alle nur unter dem Namen ‚Professor Algolon‘ kannten, neue Erkenntnisse über die Große Leere, das Phantásien vernichtende „Nichts“, herausgefunden hatte. Mittels langwieriger und komplizierter Berechnungen ermittelte er, das das Nichts theoretisch endlich sein müsste.“ Dazu muss man sagen, das die Große Leere nach Bastians ersten Besuch in Phantásien zwar merklich zurückging. Aber so ganz verschwand sie nie. Immer wieder mal wurde das Nichts kleiner und größer. Tauchte irgendwo neu auf und verschwand wieder. Fraß alles auf was vorher dort war. Und wenn es tatsächlich wieder verschwand, befand sich an der Stelle etwas völlig anderes. So war Professor Algolon zu dem Schluß gekommen, das die Große Leere endlich war. Wenn es jemandem gelänge das Nichts zu passieren, dann müsste er auf der anderen Seite in einer völlig neuen phantásischen Welt wieder herauskommen. Gerade erst entstanden aus neuen Hoffnungen und Wünschen der Menschenkinder. Zugegeben, eine ziemlich gewagte Behauptung. Und das zu beweisen, war für einen Phantásier völlig unmöglich. Das Nichts hatte bekanntlich verheerende Wirkung auf die Phantásier , falls sie dort hineingerieten. Doch ein Menschenkind sollte es eigentlich schaffen können. Dieses Menschenkind sollte, aus welchen Gründen auch immer, Lukas sein. Wie Lukas auf Professor Algolon stieß, ließ er aus. Schade eigentlich. Aber das war eine andere Geschichte, voller Abenteuer... Immerhin erwähnte Lukas, das er auf seiner Reise durch Phantásien auf den Sohn des uns allen wohlbekannten Fuchur traf. Gábar sollte ihm noch treue Dienste leisten. Am bemerkenswertesten fand Lukas, das Gábar ihn überhaupt tragen konnte. Schließlich wog er inzwischen 91 kg und war mit seinen zwei Metern Körperlänge selbst ziemlich groß. Aber für einen Glücksdrachen stellt sowas kein ernsthaftes Problem dar. Und so kam auch Lukas zu ein paar Flugstunden die er nie mehr vergaß.

Bei den Vorbereitungen zur wagemutigsten Expedition, die jemals in Phantásien stattgefunden hatte, passierte dann ein denkwürdiger Zwischenfall, der dem geplanten Unternehmen zwar förderlich war, Lukas jedoch in schmerzhafter Erinnerung blieb. Den Gehilfen des Professors war es nach langen Mühen nämlich gelungen, ein Stück des Nichts zu isolieren und auf einem gewaltigen und schweren Transportwagen heran zu schaffen. Wie es überhaupt möglich war, einen Bruchteil der großen Leere in einem mit phantásischem Selén ausgekleideten Quader zu bekommen, blieb bis heute ein Geheimnis. Einige Quellen sprechen in diesem Zusammenhang von einer Kapillare. Zum Glück kam dabei kein Phantásier ernsthaft zu Schaden.

Der Quader stand schließlich auf einem stabilen Tisch vor der Behausung des Professors, die ihm und seiner Frau gleichzeitig als Alchimistenküche diente. Vorsichtig wurde der Behälter geöffnet. Tatsächlich, da war es wieder. Ratlos und respektvoll wichen die Helfer zurück. Der Professor bereitete den ersten Versuch vor. Als erstes wurde ein langer Besenstiel gebracht, der langsam in den Quader getaucht wurde. Dieser hatte eine Kantenlänge von höchstens zwanzig Zentimetern. Durch das Nichts darin wurde er jedoch bodenlos. Der Holzstiel verschwand im Nichts und als der Professor nicht richtig aufpasste, riss es ihm die Stange aus den Händen, die daraufhin ohne ein Geräusch im Quader verschwand. Als nächstes sollte eine altajanische Sumpfratte daran glauben, die der Professor als Versuchstier hielt. Doch das konnte Lukas gerade noch verhindern. Dann war er selbst dran. Niemand wusste bis jetzt, was passieren würde, wenn ein Menschenkind mit der Großen Leere in Berührung kam. Keiner hatte ein Vorstellung davon. Als erstes griff er sich sein Schlüsselbund, welches sich auch in Phantásien in seiner Hosentasche befand, nahm den unwichtigsten Schlüssel und taucht ihn in die undefinierbare Erscheinung. Als er den Schlüssel wieder herauszog, stellte er fest, das dessen Spitze fehlte. Wie abgeschnitten. Lukas kam plötzlich eine andere Idee. Er griff sich einen kleinen herumliegenden Zweig und begann ihn anzuspucken. Er brauchte ein ganze Menge Speichel um den Zweig auf einer Länge von zehn Zentimetern komplett mit einer Schleimschicht zu umhüllen. Sein ekliges Machwerk tauchte er in den Quader. Zur Verwunderung aller aber kam das Zweiglein anschließend unversehrt wieder ans Licht. Mutig geworden, schnitt sich Lukas ein paar Haare ab. Er war sich nicht sicher, ob er beim Hineinhalten nicht schon mit den Fingern das Nichts berührt hatte. Seinen Haaren passierte jedenfalls nichts. Als er merkte, das die Fingerkuppe eines Menschen der isolierten Leere standhielt, langte er erst mit der rechten Hand und schließlich mit dem gesamten Arm hinein. Es fühlte sich eigenartig warm an. Als Lukas seinen Arm wieder unversehrt herauszog, verfielen alle Umstehenden in blanken Jubel. Endlich gab es jemanden, der der Großen Leere widerstehen konnte. Lukas, selbst überrascht von seinem plötzlichen Erfolg, versuchte es noch einmal und steckte seine Hand erneut bis zum Gelenk in den Quader. Ihm kamen verwirrende Gedanken und er betrachtete fasziniert das Wunder, in das er gerade seine Hand hineinhielt. Und plötzlich geschah etwas, mit dem in diesem Augenblick niemand rechnete, was aber in Phantásien durchaus erklärbar war. Denn waren es nicht die Menschenkinder, denen es als einzigen vergönnt war, in Phantásien Neues entstehen zu lassen – auch aus dem Nichts? Schließlich wurde es doch mal mehr und mal weniger?

Während Lukas noch grübelte, verschwand das Nichts plötzlich mit einem leisen Zischen. Lukas Hand steckte plötzlich in einem massiven Quader aus phantásischem Selén fest! Er brauchte eine Schocksekunde, um mit weit aufgerissenen Augen zu realisieren, was eben geschehen war. Ein noch nie dagewesener Schmerz fuhr in seinen Körper. Lukas konnte gerade noch tief Luft holen. Ein grausiger Schmerzensschrei hallte über das Gelände. Lukas zog und zog wie ein Besessener an seiner Hand und konnte sie nicht freibekommen. Das Wasser war in seine Augen geschossen und er fühlte, das er durch die unglaublichen Schmerzen, die die Kraft die in seine Hand biss verursachte, so langsam die Kontrolle über seinen Körper verlor. Irgendwann schaffte er es, sich doch loszureißen. Sei es, weil er es aus Körperkraft schaffte oder weil sein Willen nachließ, wer weiß? Mit piepsender Stimme jammernd lief Lukas über das Gelände. Ihm wäre in diesem Augenblick auch egal gewesen, wenn er sich die Hand abgerissen hätte. Es dauerte eine Weile, bis die Helfer ihn einfangen konnten und zu einer Heilerin brachten. Sie flößte Lukas eine stark berauschende Flüssigkeit ein. Nach einer halben Stunde beruhigte er sich ein wenig. Seine Hand war zwar stark gequetscht und die Haut fehlte an einigen Stellen, aber ansonsten war sie ganz geblieben.

Ungläubig besah Professor Algolon den Quader aus phantásischen Selén. Das Nichts darin war vollständig verschwunden. Nur da wo Lukas Hand gewesen war, war noch ein kleiner Hohlraum.

„Nein, das war nicht schön.“ unterbrach Lukas seine Schilderung.

„Und weiter, wie gings weiter? Bist du nun durch das Nichts geflogen?“ wollte Bastian wissen. Doch der Reihe nach. In Gedanken begann Bastian bereits die Geschichte seines Freundes analytisch zu sezieren. Es waren Sachen darin vorgekommen, die Lukas selbst gar nicht hätte mitbekommen können. Hatte Lukas sie wirklich erzählt oder entstanden dieses Dinge in diesem Augenblick in seinem Kopf neu? Bastian war sich da nicht sicher. War das wieder so ein Phänomän aus der Unendlichen Geschichte? Brachte Lukas in diesem Augenblick etwas aus Phantásien mit? Und alles ohne Buch? Lukas fuhr fort.


Es dauerte ein paar Tage, ehe er mit der rechten Hand wieder einigermaßen zugreifen konnte. Die heilenden Künste einer Phantásierin, Lukas meinte, es müsste ein Feenwesen mit Namen Alíla gewesen sein, taten jedoch ihre Wirkung. Alíla war eine Bekannte des Professors. Doch das ist eine andere Geschichte...

Bald war klar, das die Große Leere für phantásische Verhältnisse vermutlich völlig boden- und dimensionslos war. Um sie zu durchqueren, was ja an sich schon eine völlig verrückte Vorstellung war, musste man möglicherweise fliegen können. Doch das konnte kein Menschenkind. Und die Phantásier, die jemals vom Nichts verschlungen wurden, konnte man nicht mehr fragen. Sie wurden durch die Große Leere ja für immer transformiert. Dort musste also etwas unvorstellbar Unglaubliches passieren – ähnlich faszinierend wie die Physik eines schwarzen Loches für die Menschenwelt.

Zunächst mussten also zwei Probleme gelöst werden. Es musste ein Wesen Phantásiens gefunden werden, was von sich aus zum Fliegen in der Lage und bereit wäre an dieser Expedition teilzunehmen.

Und es musste ein Weg gefunden werden, dieses Wesen vor der vernichtenden Wirkung der Großen Leere zu schützen. Die Antwort auf letzteres fand sich nach längerem Suchen in einem alten phantásischen Buch der schwarzen Künste. Neben anderen haarsträubenden Sachen stand dort geschrieben, das ein Wesen Phantásiens, welches jemals im Herzblut eines Menschenkindes gebadet hat, Unsterblichkeit erlangen würde. So richtig verstehen konnte das jedoch niemand, wie das mit dem Herzblut gemeint war. Während Gábar, ebenso ein Glücksdrache wie sein Vater Fuchur, nach langen Gesprächen und ebenso langem Nachdenken schließlich bereit war, das Wagnis auf sich zu nehmen, mit Lukas in die Große Leere hineinzufliegen, konnten sich die Weisen Gelehrten mit ihren Deutungen des Buchtextes nicht so Recht einigen. Bezog sich der Text vielleicht auf Bedingungen die nur in der Außenwelt zu schaffen waren? Oder bezog sich das Blutbad auf richtiges Blut eines Menschenkindes? Und was sollte überhaupt ‚baden‘ bedeuten? Lukas erklärte den Forschern das ein Menschenkind höchstens acht Liter Blut besaß, wenn es über einen Liter verlöre müsste es bereits sterben. Es war jedoch kein Fall bekannt, das ein Menschenkind in Phantásien auf diese Weise aus dem Leben schied. Möglicherweise hatte man das aber auch schon wieder vergessen. Schließlich willigte Lukas doch ein, etwas von seinem eigenen Lebenssaft herzugeben. Allerdings nicht mehr als einen halben Liter! Wie man jedoch das Blut abnehmen sollte, darüber herrschte erneut großes Rätselraten. Viele Heiler Phantásiens beherrschten die Kunst des Aderlasses. So erbarmte sich schließlich Alíla diese Prozedur vorzunehmen. Lukas erinnerte noch einmal daran, ihm nicht mehr als einen halben Liter abzunehmen. Nur – in Phantásien weiß niemand wie viel, oder in diesem Fall wie wenig, ein „halber Liter“ überhaupt ist. Jedenfalls wurde Lukas nach einer Weile schwarz vor Augen und er verlor das Bewusstsein. Als er wieder zu sich kam war einige Zeit vergangen und sein Blut schon verarbeitet worden. Was damit gemacht wurde und wie Gábar damit behandelt wurde hatte er nicht mitbekommen. Und so kam der große, verhängnisvolle Tag an dem die Expedition beginnen sollte. Es wurden bewegende Worte gesprochen und Lukas verabschiedete sich von allen die ihn bis hierhin begleitet hatten. Irgendwie schien er zu ahnen was passieren würde.

Gábar und Lukas mussten lange suchen um eine Stelle zu finden, wo das Nichts gerade sein vernichtendes Werk tat. Erst Tage später fanden sie einen Flecken Land, der sich gerade darin auflöste. Und je näher sie ihm kamen, desto mehr spürten sie die Anziehungskraft der Großen Leere.

„Hast du dir das auch gut überlegt?“ fragte Gábar.

„Überlegt habe ich lange. Aber ob es auch gut war? Jedenfalls habe ich nichts gefunden, das jemals ein Menschenkind in das Nichts hineingeraten ist.“ antwortete Lukas.

„Hoffentlich kommen wir da heil wieder ‘raus.“ wünschte sich Gábar.

„Ja. Hoffentlich war das richtig, was in dem alten Buch stand.“

Jetzt waren sie dem Nichts schon sehr nahe gekommen. Es gab kein zurück mehr. Eine unerklärbare Kraft zog die beiden unabwendbar in die undefinierbare Erscheinung hinein. Mit Entsetzen bemerkte Lukas, das sich Gábars Kopf und das Fell an seiner Schnauze langsam immer mehr in Richtung grau verfärbte. Auch Lukas Hautfarbe begann sich langsam der grauen Un-Farbe des Nichts anzunähern. Lautlos wurden sie vom Nichts aufgesogen. ‚Ein seltsames Gefühl‘ dachte Lukas bei sich. Er konnte nichts mehr sehen, obwohl es von allen Seiten sehr hell war. Alles war nur hell, so als würde man durch Milchglas blicken. Lukas konnte seine eigenen Hände nicht mehr sehen. Doch er fühlte, das er immer noch auf Gábar saß. Instinktiv klammerte er sich noch fester an dessen langer Mähne fest. So langsam erlosch das Gefühl für oben und unten. Herrschte hier etwa gar Schwerelosigkeit? Jedenfalls wurde Lukas nach einiger Zeit ziemlich übel. Mühsam unterdrückte er die Vorstellung in Gábars schönes weißes Nackenfell hineinzukotzen. Allein, er würde es zum Glück nicht sehen können.

Irgendwann gab Lukas sich auf. Er ließ seinen Oberkörper nach vorn auf Gábars Hals sinken, wechselte den Haltegriff, da das Fellbüschel was er die ganze Zeit in der Hand gehalten hatte von seinem Handschweiß bereits nass und glitschig geworden war und schloß die Augen. Dieser Spuk sollte endlich ein Ende haben. ‚Nach Hause,‘ war bald sein einziger Gedanke ,auf dem Sofa liegen und schlafen.‘. Auch Lukas Reittier hing ähnlichen Gedanken nach. Der glücklichste war davon wohl der, noch am Leben zu sein und seinen eigenen Körper zu spüren. Gábar merkte, das sich Lukas langsam in seinem Fell verkroch. Der Glücksdrache hatte die Richtung verloren und wusste selbst nicht, wo es überhaupt hinging. Jedoch hatte eine unbekannte Kraft von seinem Körper Besitz ergriffen. Er fühlte jedenfalls, das es irgendwohin vorwärts ging. Nur wohin, darauf hatte er keinen Einfluss mehr. Nach und nach machte sich auch etwas anderes bemerkbar. Das Nichts benebelte nicht nur die Sinne. Auch das Atmen fiel Lukas immer schwerer. Er verlor das Bewusstsein...


„Und?“ fragte Bastian voller Spannung.

„Nichts und!“ entgegnete Lukas „Als ich wieder aufwachte lag ich in einem ziemlich morastigen Teil der Bönningstedter Heide. Jedenfalls glaubte ich das. Denn ich war immer noch in Phantásien.“

„Wie hast du das denn gemerkt?“ wollte Bastian wissen.

„Ich hatte immer noch die Einstichstelle und den Verband aus Blättern am Unterarm.“ Bastian fand das höchst interessant. Jedoch wurde Lukas immer einsilbiger.

„Ja, und dann?“

„Ja, und dann bin ich zu Fuß nach Hause gegangen, denn ich hatte keinen Cent Geld in der Tasche. Hat ziemlich lange gedauert. Ich habe mich aufs Sofa gelegt und bin total erledigt eingeschlafen.“

„Und?“ fragte Bastian schon fast reflexartig.

„Nichts! Als ich wieder aufgewacht bin war ich wieder hier. Genau da, wo ich das Buch gelesen hatte.“

„War es noch da?“

„Ja. Ich habs nie wieder angefasst. Nur noch ins Regal gestellt.“ Bastian war sich sicher. Das Buch war deshalb nicht verschwunden, weil es wollte, das es Lukas weiterlas. Der sah beiläufig auf die Uhr und erschrak.

„Scheiße! Bastian, ich muß los! Ich komm‘ zu spät. Tschüß. Wir sehen uns später!“ In Windeseile zog sich Lukas seine Jacke über, griff seine Tasche und verließ fluchtartig das Haus. Bastian hörte noch Lukas Schritte im Treppenhaus nachhallen. Nachdem sich die schwere Eingangstür unten wieder geschlossen hatte, breitete sich Stille aus. Bastian war endlich allein. Auf ihn wartete das Buch der Bücher. Und er hatte keine Vorstellung davon, was mit einem Erwachsenen passierte, der in dem Buch der Unendlichen Geschichte las.

Rainer

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